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Junger Mann, Ihr Krückstock!

  • Sirko Salka
  • 23. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Junger Mann" und andere Höflichkeitsfloskeln, die zum Himmel stinken.

Eine Kolumne von Sirko Salka


Neulich ist es mir passiert, und danach auch wieder – inzwischen bemerke ich es fast täglich: Seitdem mich die Kassiererin in unserem Bioladen mit „Junger Mann“ anspricht und konsequent siezt, weiß ich, dass ich ein alter Sack geworden bin. Zumindest fühle ich mich dann so. Denn seien wir ehrlich: Je betagter und klappriger ein Kunde an der Kasse steht, desto vehementer und gnadenloser wird ihm heutzutage doch ein „Wie kann ich Ihnen helfen, junger Mann“ - an den runzeligen Kahlkopf geknallt. „JUNGER Mann!“ - selbst zu Methusalems mit Krückstock, wahlweise mit Rollator.

Wie aus einer anderen Zeit - ein älterer Herr mit Hut. „Old Chap“ - Alter Knabe!
Typisch traditionell britisch ist die vertrauliche Anrede "Old Chap“ - Alter Knabe. Foto: Jeschke

Junger Mann" geht uns alle an

Aber klar: Natürlich handelt es sich bei dieser Höflichkeitsfloskel um eine gängige Verlegenheits-Krücke in der deutschen Sprache, die es uns ermöglicht, einen charmanten und einander wertschätzenden Umgang zu pflegen. Generationen übergreifend. Auch wenn das so „mittelalterliche Semester“ wie ich mitunter als irritierend und einschleimend empfinden mögen. Von positiver Altersdiskriminierung mal ganz zu schweigen!


Andere Anrede-Formen wie „mein Herr“ oder „gnädiger Herr“ kommen unfreiwillig unterwürfig oder altbacken daher. Genauso unpassend wie die verknappte Frage „Was wünschen, der Herr?“, die wiederum in Österreich gängig, aber deswegen nicht weniger grammatikalisch auffallend ist. So was flutscht im Englischen einfach leichter über die Lippen, wo Männer in aller Höflichkeit noch mit „Sir“ - und Frauen mit Ma’am - angesprochen werden.


Alte Knaben" und Alte Jungfern"

Typisch, traditionell britisch ist ferner das vertraulichere „Old Chap“ - „Alter Knabe“, das nicht nur herrlich verstaubt sondern mehrdeutig zu lesen ist. Sowohl „Old Chap“ als auch „Old Boy“ oder gar „Old Fellow“ stehen salopp bis schlüpfrig auch für den „Besten Freund“ im linken wie im rechten Hosenbein. Voll Porno. Selbst im homoerotischen Kontext waren Oxymorone wie „Alter Knabe“ bewährte Codes.


In Zeiten, in denen Schwulsein gesellschaftlich tabuisiert war, verstanden sich die Verzauberten auf Zeichenlesen und Spurensuche; so befanden sich in früheren Jahrhunderten erstaunlich viele „Junggesellen“ am sogenannten Anderen Ufer wieder. Deren Ehelosigkeit wurde nicht zwangsläufig hinterfragt - die der Frauen hingegen auf brutale Weise schon: Vom unerträglichen Sexismus alter Tage geprägt ist das Stigma der „Alten Jungfer“ - Damen, die ihr Lebtag unverheiratet und wohl auch jungfräulich geblieben waren. Da Sexualität seinerzeit männlich war, lautete so die patriarchale Logik. Männer eben! Ein maskulines Pendent zur Jungfer gibt es in unserer Sprache nicht.


Übrigens, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden eingefleischte Junggesellen - und Junggesellinchen „Hagestolz“ bzw. „Hagestolzin“ genannt; und dahinter verbarg sich eine rechtlich verbindliche Erbschaftsregelung: Wenn eine Person bis zu einem gewissen Alter unverheiratet geblieben war, ging deren Erbe im Todesfall automatisch in den Besitz des Grundherrn (oder Land- und Stadtherrn) über. Mit einer Portion Stolz oder gar queerem Pride hatte Hagestolz herzlich wenig zu tun.


Das Geheimnis unserer Baumärkte

Als ich neulich in Hamburg-Altona im Baumarkt war, kam mir der Begriff unweigerlich wieder in den Sinn. Wie an jedem Samstag war der Homo-Faktor dort hoch, es schoben viele „Junggesellen“ und „Alte Knaben“ ihre Wagen durch die Gänge. Warum, das weiß ich nicht, aber Baumarkt-Cruising ist unter Lesben wie Schwulen verbreitet. Auch die Angestellten in Altona, die "Hage-Bauern" empfand ich als Augenschmeichler. Ein unerwartetes Lächeln vom Kassierer, das mich prompt 20 Jahre jünger fühlen ließ. Während er mich kassierte, registrierte ich, wie ich automatisch meinen Körper aufrichtete und den Bierbauch einzog. Ich bewunderte seine fein manikürten Finger. Endlich öffnete er den Mund - welch einladenden Lippen, so saftig, dachte ich mir - und erschrak ob meiner Obszönität.


Ich höre noch den bassigen Sound seiner Stimme … „Zahlen Sie in bar oder mit Karte, junger Mann?“ Da war es wieder. JUNGER Mann. Na, dankeschön! Mit einem Wort brach meine intellektuelle Erektion am Warenband in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Schluss. Aus die Maus. Nix wie raus!

 
 
 

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