Süss und fettig - wo ist der nächste Schoko-Burger?
- Sirko Salka
- 28. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. März
Samstagmorgen beim Bäcker - o es riecht gut! Bin heiss auf Hunger, nehme ein Butter-Croissant und zwei mit Schokolade. Ach ja, und eine Cola noch, ist ja Wochenende. Süß und fettig - das Leben ist ein ewiges Jo-Jo-Spiel. Eine Kolumne von Sirko Salka
Es ist wieder so weit: Ich habe die Kontrolle über mein Leben verloren. OK, nicht komplett. Aber immerhin die Kontrolle über meine Lebensmittel. Das eine bedingt ja das andere, irgendwie. Mit anderen Worten: Ich esse nicht, ich fresse. Süß und fettig - und das ganze noch mal ins Quadrat. Diese Worte schreiben sich wie von selbst, während ich genüsslich in eine Tafel Rittersport reinbeiße. Naminam, lecker!
Momentan kann ich mir fünfmal vornehmen am Morgen, im Supermarkt nur Obst, Gemüse, Vollkorn zu besorgen, wenn ich doch Hundertpro die Kasse nachher mit Schokolade, Keksen und Fertig-Pommes verlasse. Alles am besten im Big Pack: Nix wie aufreißen und direkt verspeisen. Während ich so schlinge und schlucke, male ich mir bei jedem Bissen aus, wie sich die zuvor im Fett der Fritteuse gesuhlte Pommes frites in meinem Magen aufbläht, und sich alsbald mit all den anderen Fritessen zusammenkleistert - bis sie einen weiteren Speckring an meinem Bauch aufblasen.
Die Vorstellung amüsiert und ekelt mich gleichermaßen. Jeder Schokokeks, den ich zum Dessert zermalme, treibt meinen Bodymaß-Index in zuckrigen Zehntelschritten in die Höhe. Noch zwei Kekse bis zum Übergewicht. Knack-knäck!

Seitdem ich wieder Sport treibe, meinem Körper mithin hart anpacke und beanspruche, ihn antreibe und quäle, im Fitness Center die Reps und Sets zähle, dabei vor Erschöpfung transpiriere wie ein Rennpferd, und beinahe kapituliere, seitdem wächst mit meinen Muskeln das ewige Loch im Bauch und damit das Gefühl, es nicht ausreichend stopfen zu können. Süss und fettig - wo ist der nächste Schoko-Burger?
Aus der körperlichen Erschöpfung heraus ist der innere Impetus meines Gehirnes zu dominant: Gib mir Energie - so schleunigst und billigst wie möglich! Die Belohnung in Form von eines Dopamin-Sprudelns wird so verlockend wie der einsetzende Heißhunger riesig - wie kann ich diesem Hormon-Druck widerstehen?
Süss und fettig - meine Kindheit war verschlossen
Als Kind war ich ein schlechter Esser, hatte Untergewicht und den Spitznamen „Knochenrassel“ erhalten. Mit mir könne man locker durch die Heizungsnischen fegen. Schulfreunde können grausam sein! Sie waren es auch, die mich eines Nachmittages zum Süßen verführten. Dazu muss ich etwas ausholen: Eigentlich gab es in meinem Elternhaus für uns Kinder nix zu naschen. Der Küchenschrank mit Marmelade, Honig, Haselnussaufstrich und Kakao war mit Schloss verriegelt, meine Geschwister und ich wurden tunlichst fettarm ernährt.
Und dennoch fanden wir eines Tages die perfekte Energiequelle: Ebenjene „Arschloch“-Freunde zeigten mir, über welche Zauberkräfte die Kombination aus Butter und Zucker verfügt. Süß und fett - das löst den Nimmersatt-Alarm im Gehirn aus: „Haben wollen. Heißhunger!“ Eine zeitlang haben wir das tassenweise in uns hineingeschaufelt. Wenn ich heute darüber nachdenke, durchzieht mich kaltes Grausen.
Doch seinerzeit vegetierte ich inmitten meiner Pubertät, weshalb ich kaum dicker wurde, aber meine Körperlänge einen gewaltigen Satz nach oben schoss. Im letzten gemeinsamen Familienurlaub im deutschen Wendejahr wurde mir im Restaurant ein mir noch unbekannter, rasanter „Rattigmacher“ aufgetischt: Ketchup, der galt in der DDR als „Bückware“, seltenes Gut. Mit dem ersten rotbreiigem Happen war ich hörig nach der süßen Würzsoße, ließ sie mir auf der Reise zu jeder Speise servieren. Wieder daheim war Schluss mit süchtig: Tomatenketchup landete im verbotenen Küchenschrank.
Dopamin-Kirmes - das Gehirn schlägt Purzelbäume
Warum nur kickt uns süßfettig dermaßen heftig? In seinem Buch „Der Protein-Fasten-Trick“ reist Christian Wolf dafür bis in die Steinzeit, als Nahrung selten war, und der Körper Energien möglichst lange speichern musste. Fette, das weiß ich aus leidlicher Erfahrung, halten sich gern länger im Körper auf als andere Stoffe.
Natürliche Lebensmittel, die viel Fett plus Zucker vereinen, sind in Wahrheit superrar, weshalb unser Gehirn bei deren Aufnahme Purzelbäume vor Glück schlägt. Essen ist in unserer Kultur - Gottseidank - permanent verfügbar, doch unsere Genetik ist noch auf Steinzeit programmiert. Einspeichern statt verbrennen. Süßes und Fettiges sind daher, so Wolf, wie der Jackpot, perfekt zum Überleben. Lebensmittelhersteller machen sich diesen Effekt seit Jahrzehnten gezielt zu Nutze - zu unserem Leidwesen.
Als ich mit 20 von einem hübschen Mann zu meinem allerersten Croissant verführt wurde, und er mir lässig zeigte, wie man auf die Spitze des Hörnchens reichlich Butter und Erdbeermarmelade schaufelte, um es dann lecker-lustig runter zu knabbern, hatte ich meinen nächsten todsicheren Jieper. Bonbonsüß und … genau … vulgär-fettig. Deshalb sind die Backwaren-Regale auch gefüllt mit Schoko-, Marzipan- und ähnlich sexy Croissants. Und wenn es die noch rabattiert gibt, drei zum Preis von einem, dann feiere ich Kirmes im Nervensystem. Gib mir Bratwurst, gibt mir Zuckerwatte!
Nackte Wahrheit im Badezeimmer-Spiegel
So geht es mir mein Leben lang schon wie bei einem Jo-Jo-Spiel. Den ungezügelten Phasen im Schlaraffenland, süss und fettig, folgen leidvolle Monate des Fastens und des Verzichtes. Dabei pendele ich locker zwischen drei Kleidergrößen, zwischen Hoffnung und Selbsthass, wenn ich nackt vor dem Badezimmer-Spiegel stehe. Mal sehe ich mich als stolzen Adonis, dann als beschämte Klemmschwester; warum gebe ich dem Aussehen so viel Macht über meine Gefühle? Sobald sich das Leiden übermächtig anfühlt, ziehe ich die Reißleine und Lektüre zu Rate.
In seriös wirkenden Büchern wie von Christoph Wolf bekomme ich Tipps zum frustfreien Abnehmen, die mir durchaus vernünftig erscheinen: Alles, was zählt ist die Kalorienbilanz; Bewegung hilft, das Hungergefühl besser zu regulieren, Süßstoffe reduzieren den Zuckerkonsum, Eiweiß wirkt wie ein stiller Unterstützer, der uns satt macht und die Muskeln während des Abnehmens schützt. Das klappt dann sogar eine Weile lang, und sofern sich mein Leben im Gleichgewicht harmonisiert, ist mir die Waage freundlich gesinnt.
Sobald in meinem Leben aber, und das ist mir neulich erst überhaupt bewusst geworden, Stress dominiert, sobald ich mich körperlich Übermaßen beanspruche, sei es durch harte Arbeit oder Sport, dann kippt der die Vernunft in den Belohnungs-Modus. Dann verliere ich den guten Vorsatz aus dem Blickwinkel, dann fülle ich meinen Einkaufswagen mit Schoki, Chips und Tiefkühl-Pommes.
Aber immerhin habe ich die Zusammenhänge endlich kapiert. Und: Anders als in meiner Kindheit, lasse ich mir das Naschen nicht mehr verbieten. Mit einer großen Portion Gelassenheit werden die Portionen meines Heißhungers kleiner. Na denn, haut rein!



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