Männlichkeit glatt wegrasiert
- Sirko Salka
- 23. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Feb.
Während der Pubertät kommen einem die quatschigsten Ideen - und als erwachsener Kerl hört das Leiden mit Haaren längst nicht auf. Eine Kolumne über die haarig-fragile Männlichkeit von Sirko Salka
Zwei muskulöse Männerhände nähern sich meinem Hals, umhüllt von schwarzen Handschuhen aus Nitril. Das ist ein besonders reißfestes Material mit gutem Grip auf Metal, damit Scheren - oder wie in diesem Fall Rasiermesser - bloß nicht abrutschen. Schon sehe ich, wie die Klinge an meinem Kinn angesetzt wird und in ruckartigen Bewegungen die dunklen Stoppeln bis zu meinem Adamsapfel entfernt.
Sweeney Todd im Barber Shop
Den Kopf habe ich dabei so weit es eben geht in den Nacken geworfen, weil die Hautstraffheit mit den Jahren doch sichtbar nachgelassen hat. Am Hals bemerkt man seine Altersfalten ja oft als Erstes: Die Haut ist dort dünner als im Gesicht, da weniger Fettpolster darunter liegen.

Ich bin also hoch angespannt, male mir wüste Horrorszenarien aus, während ich auf dem Friseurstuhl sitze. Ausgerechnet jetzt muss ich an Sweeney Todd denken, jenen teuflischen Barbier aus der Fleet Street. Meisterregisseur Tim Burton inszenierte 2007 den gleichnamigen Gruselfilm mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Darin wird Todds Salon zur Mördergrube: Einem Kunde nach dem anderen schneidet er mit seiner Rasierklinge eiskalt die Kehle durch - und befördert sie über eine Falltür in den Keller.
Was, wenn mir jetzt genau das passieren würde? Es ist Mittagszeit, ich bin der einzige Kunde im Barber Shop. Niemand weiß, dass ich hier bin; ich wusste es ja selbst bis vor einer halben Stunde noch nicht, als ich durch dieses schöne Altberliner Viertel flanierte …
Rasieren für oder gegen mehr Männlichkeit
Ich lasse meine Gedanken schweifen, einfach, um mich abzulenken. Mit Rasierklingen bin ich seit meiner Pubertät bestens vertraut. Damals erzählte mir ein Schulfreund, derselbe übrigens, der mich kurzerhand auch aufgeklärt hatte, wie man sich seiner Haare im Intimbereich gekonnt entledigen kann. Pikant! Zu meiner Scham muss ich gestehen, dass ich, anders als er, mit zwölf Jahren noch keine auffälligen Körperhaare „untenrum“, sprich, unterhalb des Nackens hatte. Und das sollte auch möglichst lange so bleiben. Dafür würde ich sorgen, schwor ich mir nach dem Gespräch.
Ich weiß nicht mehr, welche Ekel-Trigger der Kumpel bei mir ausgelöst hatte. Doch offenbar waren sie groß genug, dass ich mir bis weit in die Volljährigkeit hinein sämtliche Körperhärchen wegrasierte oder -wachste. Mitunter waren das abenteuerliche Experimente im heimischen Badezimmer, auf die ich nicht genauer eingehen werde. Nicht immer ging alles glatt.
Allerdings entsprachen Haare, ob nun an der Brust oder zwischen den Beinen, eben dusseliger Weise weder meinem ästhetischem Empfinden, noch dem Zeitgeist Mitte der Neunziger Jahre. Blank war cool, Behaarung hingegen oldschool. Als ich mir mit Anfang zwanzig endlich mal alle Haare „stehen“ ließ, war ich dann ganz verzückt ob der kunstvollen - wenngleich noch spärlichen - Verteilung auf meinem Körper.
Mit dem Feuerzeug die Ohren anfackeln
Mittlerweile hat der Barbier die Rasur ohne sichtbare Spuren perfekt erledigt. Das bedeutet nicht, dass mein Leiden nun vorüber wäre. Schon hält er ein Feuerzeug in der rechten Hand und brennt mir damit die Ohren frei. Das klingt barbarisch, und ich finde, es ist auch barbarisch. Immerhin sind danach die haarigen Fusseln vernichtet, wovon auch der strenge Geruch zeugt, der mir sofort in die Nase steigt.
Aus meiner Sicht gehört es zu den Paradoxien des männlichen Körpers, dass Haare auf dem Kopf zwar lichter werden - oder wie in meinem Fall, sich früh aus dem Staube machen -, während sie an allen anderen Körperstellen mit den Jahren dichter zum Vorschein kommen. Und damit meine ich an ALLEN anderen Körperstellen. Echt, jetzt! Falls es je irgendeinen Schöpfer gegeben haben sollte, hat er sich hierbei einen Mordsgag erlaubt: Denn offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen Glatze und Fell.
Soll heißen, Androgene - Testosteron-ähnliche Hormone führen bei entsprechender genetischer Veranlagung oben zu einer Platte. Während der gleiche Stoff, das Dihydrotestosteron (DHT) für ordentlich Haarwachstum an Brust, Rücken, Beinen, Po und Schultern sorgen. DHP heißt jedoch nicht, dass Glatzköpfe mehr Testosteron hätten. Nee, nee, das ist - leider - ein Mythos. Sollte irgendjemand dennoch dieser anmachenden Annahme sein, lasse ich ihn gern in seinem Glauben :-)
Wer schön sein will, muss leiden - nirgends trifft dieser Satz meiner Meinung nach besser zu als beim Barbier. Mit einem Bindfaden „bewaffnet“ zupft dieser mir nun in einem flinken Fingerspiel die Augenbauen aus. Aua. Richtig aua. Was bin ich doch für eine Memme!
Das deutschlandweite Comeback dieses altehrwürdigen Berufes liegt keine 15 Jahre zurück: Ein modernes Männerbild vom gepflegten Mann hat dazu beigetragen, dass die gemischten Friseursalons früherer Jahre allmählich verschwunden sind, während hippe Barber Shops allerorten boomten. Diese ebenso zeitgenössische wie traditionelle Kultur der Männerrasur hat sich nicht zuletzt durch die multikulturellen Einflüsse in unserem Land erfolgreich durchgesetzt. Darauf gehe ich nun noch einen Schawarma essen.



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