Staubsauger als Stimmungsaufheller – nackt putzen aus Versehen
- Sirko Salka
- 21. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. März
Von zwei linken Händen zum Endorphin-Rausch: Wie ich beim Putzen das Leben neu entdeckte – und dabei fast die Nachbarn schockierte. Eine Kolumne übers nackt putzen von Sirko Salka
„Und, musstest du schon nackt putzen?“ Das ist die häufigste Hö-Hö-Hö-Frage, die mir gestellt wird, seitdem ich neuerdings nebenbei als Haushaltshilfe arbeite. Gefolgt mit süffisantem Unterton: „Bist du da nicht glatt ne Fehlbesetzung!“
Welch anmaßend anmutende Anmerkung, die geradezu brodelt vor Doppeldeutigkeiten - aber berechtigt ist. Zumindest, was das Reinemachen und Sauberhalten betrifft, hatte ich immer zwei linke Hände. Bereits als Kind wurde mir eine ungelenke Tollpatschigkeit attestiert, die auf einem frühen Fauxpas basierte: Opa kam uns besuchen, ich wollte ihm Tee zubereiten, setzte also einen Topf Wasser auf. Als ich die losen Blätter endlich hinzugeben wollte, verschüttete ich die Hälfte des Tees.
Früher Spott statt Anerkennung
Da mir, Knirps von acht Jahren, der eingesaute Küchenboden durchaus Sorgen bereitete – und ich auch den Tee retten wollte, kam mir eine, wie ich meinte, geniale Idee: Die grünen Kräuter wischte ich mit einem nassen Scheuerlappen auf und wrang ihn unbekümmert über den siedenden Teekessel aus. Klasse, das hatte geklappt! Was war ich stolz auf mich!
Leider teilte meine Familie meine Begeisterung nicht. Meinem Opa, der neben mir stand, war aus mir unerklärlichen Gründen der Appetit vergangen. Ich musste den Tee danach ins Klo schütten und hatte einen Ruf weg als Taugenichts. Dafür allerdings, dass ich in größter Not instinktiv kreativ gehandelt hatte, mir nur die Logik dahinter noch fehlte, hätte ich statt des familiären Spotts Anerkennung verdient gehabt! Doch weit gefehlt: Bis zum heutigen Tage wird mir diese lächerliche Lappen-Lappalie aufs Brot geschmiert. Wie lustig.
Oft genug gehört, brennt sich solche Schmach tief in die Hirnrinde ein. Ich kann nichts, bin zu nix zu gebrauchen, praktisch völlig unbegabt. Immerhin, das war die Kehrseite meiner „Kehraktion“, war ich fortan von der Hausarbeit weitgehend befreit. Dadurch entwickelte ich kein Bewusstsein für Unrat und Unordnung. Was einmal dazu führte, dass ich in meinem Kinderzimmer mein Osternest erst im darauffolgenden Jahr emtdeckt hatte. Das fand dann selbst der Osterhase zum Eierschlagen komisch … ich im Übrigen nicht, da ich es nicht mehr essen durfte.

Meine späteren Lebenspartner hatten oft wohl auch keinen Grund zum Lachen. Denn während ich, meist auswärtig, auf Arbeit war, sorgten sie daheim für Budenzauber. Das Doofe an der Hausarbeit ist, wie ich inzwischen bestätigen kann, ihre frustrierende Unsichtbarkeit. Wahre Putzmuffel bemerken weder den Dreck noch dessen Beseitigung. Bei mir musste es seinerzeit schon arg zu Müffeln beginnen, bis ich mal zu Bürste und Schwamm gegriffen habe. Aber Schwamm drüber.
Umso vehementer haute mich jüngst die Frage einer Klientin aus den Socken, ob ich bei mir zu Hause auch so gründlich sauber machen würde? Natürlich nicht, kokettierte ich. Für mich als ultimativen Bürohengsten, einer laufenden Grübel-Murmel auf schmalem Rumpf und zwei Stelzen, ist das Putzen gehen eine Wahnsinns-Erfahrung, in vielerlei Hinsicht.
Lektion Nummer eins: Es gibt nichts, was ich verdammt noch mal nicht erlernen könnte. Häufig laufen wir mit einem uns eingetrichterten, aber fatal falschgeleiteten Selbstbild rum, trauen uns mitunter die einfachsten Dinge nicht zu. Ist ja auch bequemer zu behaupten: „Das kann ich nicht, hab zwei linke Hände“. Am besten einen Witz drüber reißen, das war stets meine Stärke - auf Kosten meines Selbstwertes.
Einen natürlichen Rausch erleben
Lektion Nummer zwei lautet: Ungewohnte körperliche Belastung - und für mich war körperliche Anstrengung Zeit meines Lebens ungewohnt - führt zu Glücksgefühlen und kleinen Rauschzuständen. Der Hammer, was ich da mitunter für eine Hormon-Raserei nach getaner Arbeit erlebe! Als mein anfänglicher Muskelkater nach 14 Tagen abgeklungen war, begann mein Body reichlich Endorphine (körpereigene Opiode) auszuschütten. Diese Happiness-Hormone wirken wie natürliche Schmerzmittel und Stimmungsaufheller zugleich. Wow, was für 'n Flow!
Zum ersten Mal fing ich an, die Logik hinter Leistungssport zu ergründen. Irgendeinen bekloppten Benefit müssen Sporttreibende schließlich haben, wenn sie sich schon bereitwillig derart quälen und zu Höchstleistungen pushen. Leute, die in meinem Alter mit dem Laufen anfangen, können das sicherlich bestätigen.
Als „Runner’s High“ wird das auch beschrieben. Mit einem Male fängt es in einem an, zu kribbeln - und dabei hat man weder Pille eingeworfen noch Nadel gesetzt. Wie ein erfrischender Sommerwind weht es mir dann kühlend durch den Körper. Ich werde etwas Matsch in der Birne, rede beseelt ohne Tiefgang – und fühle mich auf eine Art frei und freizügig. Natürlich bleibt nackt putzen für mich weiter ein Tabu. Wobei mir ein Freund neulich erzählte, dass es durchaus einen lukrativen Markt für professionelles Schrubben und Saugen im Adams- oder Eva-Kostüm gäbe. Als Lustmotiv in zig Pornofilmchen funktioniert das es ja offensichtlich auch gut. Allein mir fehlt dafür die Fantasie.
Es gibt Dinge, die passen für mich nicht zusammen. Am FKK-Strand Beachvolleyball spielen, zum Beispiel, dieses gegen die Schwerkraft anhüpfen wollen. Ding-Dong. Aua! Das kann sich nicht angenehm anfühlen - und schaut auch nicht gut aus.
Im Schöneberger Kiez kenne ich einen Nachtclub, da sitzen die schwulen Nackedeis zum Feierabendbier in einem plüschigen Wohnzimmer und plaudern, philosophieren und problematisieren alles Mögliche - obwohl sie eigentlich doch zum Ficken hingegangen sind. Für Außenstehende wie mich ist es schwierig, in solch speziellem Ambiente einen Hauch Erotik aufzubauen. Ich krieg das nicht zusammenaddiert: Alltagsgelaber und Abenteuerlust – im Adamskostüm.
Oder auch: Bürojob und Blowjob – gleiches Thema -, im beruflichen Miteinander finde ich sexuelle Schwingungen und Anzüglichkeiten aller Art No-gos. Vielleicht ticke ich anders als einige Mitmenschen? Aber was, bitte erklärt mir das, finden manche am nackt putzen erregend? Wo ist der knisternde Kontext? Mit Lappen und Schmierseife über das Parkett zu rutschen, mal stehend, mal kniend, mal kriechend – dem Körper in Fülle, ohne Hülle, die verrücktesten Verrenkungen abzuverlangen, das kann doch allenfalls Mitleid erwecken? Völlig Wurscht, was für ein Meister Propper da gerade in voller Blöße mit dem Staubwedel wirbelt.
Für mich hat das Putzen inzwischen etwas Meditatives: Mehrmals die Woche schrubbe ich mir nach Herzenslust schwermütige Gedanken frei. Bin danach high. Ähnlich wie Läufer, die sich irgendwann bis zu einem Marathon hoch tunen und antreiben können, habe auch ich bemerkt, dass mein Körper für anhaltende Glücksmomente von mir stetig mehr Leistung einfordert. Ist erst eine gewisse Grundfitness hergestellt, müssen die Challenges ausgebaut werden. Deshalb habe ich nun zusätzlich zum Minijob bei mir zu Hause mit dem Putzen begonnen.
Auf andere Art nackt putzen
Ich sauge, ich spüle, ich wische - ich treibe mein Tun bis zur Perfektion. So bin ich nun mal, auf meine Art Extremsportler. Und wenn dann am Ende alles blitzt, verspüre ich sie wieder, die Euphorie dank innerer Stimmungsaufheller. Dann weiten sich meine Pupillen, erhöhen sich Puls und Blutdruck, dann wird meine Atmung schneller, steigt die Körpertemperatur, verbessern sich Motivation, Leistungsfähigkeit und Antrieb.
Am Wochenende hatte ich mir mein Wohnzimmer vorgenommen, um es von oben bis unten und in allen Ecken gründlich zu reinigen. Mir machte diese Mammut-Aufgabe reichlich Spaß, ich begann dabei zu schwitzen, zog mir bis auf die U-Hose alles aus, setzte die Arbeit fort - und checkte überhaupt nicht, dass es irgendwann Nacht geworden war.
Aus den Fenstern gegenüber leuchteten dezent Lichter, während bei mir Festtagsbeleuchtung brannte. Wer wollte, konnte mich problemlos beim Budenzauber beobachten. Urplötzlich brach ich vor Lachen zusammen, als ich mir mögliche Dialoge einbildete. „Guck mal schnell, da drüben ist wieder so ein Perverser, der putzt nackt“. Es war aber auch zu komisch!



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